17. bis 19. Jahrhundert

Am Anfang stand ein von der Kirche dominiertes und auf die Berufsausbildung ausgerichtetes System, am Ende die Erfindung der Pädagogik, der Kindheit als eigenständigem Lebensabschnitt, der allgemeinen Schulpflicht und des Kindergartens.
Den ersten Anstoß gab die Reformation mit Martin Luther (1483 - 1546). Er entzog der Kirche die Verantwortung für das Schulwesen und übertrug sie der politischen Obrigkeit. Das zuvor eng an die Pfarrkirchen und Klöster angegliederte Bildungswesen wurde in Folge gründlich reformiert. Die Reformation lag stattdessen den Grundstein für ein allgemeines Recht auf Bildung und Wissen. In Deutschland kümmerte sich vor allem Melanchton (1497 - 1560) um die Reform des Schulwesens, was ihm den Beinamen praeceptor germaniae, Lehrer Deutschlands, einbrachte. Melanchton trat für die allgemeine Schulpflicht ein. In den bisherigen Lateinschulen führte er drei Klassenstufen ein. Zusätzlich gründete er die Oberschule als Zwischenstufe hin zur Universität.
Auch Mädchen kamen nun in den Genuss schulischer Bildung. 1530 wurde in Wittenberg eine eigene Mädchenschule errichtet. In Genf erhielten Jungen und Mädchen an öffentlichen Schulen gemeinsamen und vor allen Dingen kostenlosen Unterricht.
Die Reformatoren sahen Bildung als Grundvoraussetzung für jeden Menschen, die Bibel zu verstehen und ein nützliches Glied der Gesellschaft zu werden. Damit änderte sich auch das Ziel der Erziehung. Sie war nicht mehr primär auf die Erlangung für den Beruf notwendiger Fähigkeiten ausgerichtet, sondern auf die geistige Entwicklung der Persönlichkeit. Zentraler Ort der Erziehung war im reformatorischen Sinne die Familie. Die Eltern hatten die Verpflichtung ihre Kinder zu allseits gebildeten Christen zu erziehen. In seinen Predigten wies Luther aber auch darauf hin, dass die Eltern dafür Sorge zu tragen haben, dass die Kinder zur Schule gehen.
Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) kam es zu einem Erliegen des Bildungswesens im weitgehend verwüsteten und entvölkerten Mitteleuropa. Es war aber zugleich der Neubeginn für das staatliche Schulwesen und der Ausgangspunkt neuer Bildungsziele. Geprägt von den Gemetzeln entstand 1632 die erste umfassende pädagogische Abhandlung. Johannes Comenius (1592 - 1670) forderte darin eine Allgemeinbildung für alle Menschen. Er hofft so ähnliche Katastrophen in Zukunft zu verhindern. Sein Ziel war es, allen alles zu lehren. Seine daraus abgeleitete Schulpflicht wurde in den kommenden hundert Jahren in den meisten deutschen Teilstaaten tatsächlich eingeführt.
Die Erfindung des Buchdrucks durch Johann Gutenberg führte zu einer Verbreitung von Büchern und damit auch zum Aufkommen einer völlig neuen Gattung von Literatur: Kinder- und Jugendbücher. Ebenso neu war die Entwicklung von Spielzeug das erstmals nur für Kinder geschaffen ist. Auch frühere Zeiten kannte Spielzeug, dieses wurde aber oft von Kindern wie Erwachsenen gleichsam genutzt.
Einen vorübergehenden Rückschlag erfuhr die unbescholtene Kindheit ...

Einen vorübergehenden Rückschlag erfuhr die unbescholtene Kindheit durch die industrielle Revolution. In den Bergwerken und Fabriken wurden selbst Kinder schon als billige und willige Arbeitskräfte gebraucht. Das Kindheitsideal hielt sich allerdings in den gehobenen Schichten den Bürgertums und breitete sich im Laufe des 18. Jahrhunderts auch auf die unteren Gesellschaftsschichten aus. Die massenhafte Beschäftigung junger Frauen in der Industrie hatte nämlich zu einer Vernachlässigung der Kinder geführt.
Pestalozzi (1746 - 1827) gründete 1805 die erste Heimschule in Yverdon. Sie war so etwas wie ein Vorläufer für einen Kindergarten, auch wenn es sich immer noch hauptsächlich um eine Schule handelte. Kerngedanke war eine umfassende nicht auf Buchwissen beschränkte Bildung. Kinder sollten die Objekte selbst entdecken, bevor ihnen Sinn und Nutzen erklärt wurde. Im Schloss von Yverdon hatte Pestalozzi reichlich Platz für ein solches Konzept. Bis zu 250 Kinder aus ganz Europa, Russland und den USA wurden dort unterrichtet. Ähnliche Gedanken verbreitete später die italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870 - 1952): ?Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.?
Mit Beginn des 18. Jahrhunderts vollzog sich ein tiefgreifender Einschnitt in den Familienstrukturen. Die Großfamilie des Mittelalters entwickelte sich über die Große Haushaltsfamilie zur Kleinfamilie. Das führte zu einer völlig neuen Rollenverteilung zwischen Vater, Mutter und Kind. In den Großfamilien war der Vater die unumschränkte Autorität. Die geschlechterspezifische Arbeitsteilung sah vor, dass er nach außen hin repräsentierte, während die Frau im Haus das sagen hatte. Zur Familie gehörten zudem Gesinde, Diener, Ammen und Kinderfrauen. Arbeit und Familie fand häufig am selben Ort statt, so dass die Familie hier zumindest zum Teil eingebunden war.
Mit der Kleinfamilie ging eine räumliche Trennung von Arbeit und Privatleben einher. Der Vater als Versorger wurde von der Familie getrennt. Gesinde wurde nicht mehr der Familie zugerechnet. Familie bezog sich nur noch auf die Einheit Vater, Mutter, Kinder. Mehrere Generationen unter einem Dach wurden über die kommenden Jahrhunderte zunehmend zur Ausnahme. Aus der Zweckgemeinschaft Familie wurde eine Familie als Liebesgemeinschaft. Das Eheleben erfand ebenso eine Aufwertung wie Kinder und Erziehung. Aus der klaren Autoritätsrolle des Vaters wurde zunehmend ein individualrechtlicher Vertrag zwischen zwei ideologisch gleichgestellten Partnern, da auch die Frau häufiger ins Arbeitsleben eingebunden wurde. Trotzdem setzte sich auch eine klare Rollenverteilung in der Erziehung durch: Der Vater stand für Autorität, die Mutter für Zuwendung. Ihr Oblag aber weiterhin der Haushalt, was sich auch in der Erziehung der Mädchen widerspiegelte. Ziel war die Förderung weiblicher Tugenden, die Erfüllung der Rolle als Gattin, Mutter und Hausfrau.
Der Mann hingegen hatte seine Rolle als Familienernährer auszufüllen. Er hatte stark, selbstständig, kühn und willensstark zu sein. Allerdings durfte er zumindest im Familienkreis Gefühle zeigen. Das war im Vergleich zum bisherigen Männerbild neu. Im Verhältnis zu seinen Kindern wurde der Vater zu einer Art väterlichem Freund und nicht mehr ausschließlich auf die Rolle des strafenden Familienoberhauptes festgelegt.
Auch die Rolle des Kindes wurde in der Kleinfamilie neu definiert. Dem Produkt der sich liebenden Eltern wurde zunehmend Individualität zugestanden. Das Neugeborene wurde nun von Geburt an als unschuldig und engelsgleich bewertet. Aufgabe der Eltern war es, dieses Kind vor dem Kontakt mit allem Bösen zu bewahren. Die Kinder der sich emanzipierenden bürgerlichen Schichten erfuhren deswegen ansatzweise eine neue Form der Pflege und Erziehung. Der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) schrieb: ?Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.?
Nicht mehr die möglichst frühe Einbindung ins Erwachsenenleben stand im Vordergrund. Stattdessen entstanden Tendenzen, das Kind gewähren und sich frei entfalten zu lassen. Die gesteigerte Aufmerksamkeit der Eltern drückten sich in psychologischem Interesse, moralischen Bestrebungen, aber auch in einem neuen Bemühen um Hygiene und physische Gesundheit aus.
Persönliche Zuwendung und kindgemäßes Leben wurden als eigene Werte eingeführt. Das bedeutete im Umkehrschluss aber auch, dass Kinder verantwortlich für ihr eigenes Handeln wurden - und damit beispielsweise auch für ihre schulischen Listungen.
Der tiefe Einschnitt in der Sicht des Kindes drückt sich auch in der neu entstandenen Kinder- und Jugendliteratur aus, die im 18. Jahrhundert vermehrt zu entdecken ist. Gleichzeitig entstand eine Fülle pädagogischer Schriften, die bei der Kindererziehung helfen sollten. Sie sind Ausdruck des gesteigerten Interesses am Kind. Der Pädagoge Neil Postman (1931 - 2003) drückt es folgendermaßen aus: ?Die Kindheit wurde im siebzehnten Jahrhundert erfunden. Seit dem achtzehnten Jahrhundert begann sie die uns vertraute Form anzunehmen. Kindheit ist keine biologische Notwendigkeit, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt.?
Nicht die Kinder selbst hatten sich verändert, sondern die Bedeutung, die ihnen zugemessen wurde. Der Soziologe Martin Gomilschak schreibt: ?Menschliche Beziehungen, auch die zwischen Mutter und Kind, haben und hatten immer emotionale Qualitäten, sie wurden nur anders wahrgenommen und geäußert. Nicht so sehr über Empathie und Sprache (wie es den modernen Lebensumständen entspricht) sondern durch Symbole und rituelle Verhaltensweisen.?
Begünstigt wurde das neue Konzept von Kindheit durch einen erheblichen Rückgang der Kindersterblichkeit. Die Angst, die Kinder durch einen frühzeitigen Tod zu verlieren, rückte für Eltern zunehmend in den Hintergrund. Das erleichterte es, eine intensive Beziehung mit dem Kind aufzubauen, ohne dass Verlustängste diese trübten. Da damit auch der Druck, möglichst viele Kinder zu gebären, wegfiel, entstand der nötige Raum, sich stärker um das einzelne Kind und seine Bedürfnisse zu kümmern. Das drückt sich auch in einer breiten Zahl von Veröffentlichungen zur Diagnostik und Therapie von Kinderkrankheiten aus.
Mit dem 18. und 19. Jahrhundert machte sich auch ein einschneidender Wandel in den Ansichten zur Erziehung breit. Es entwickelte sich eine eigene Wissenschaft der Pädagogik, die Theorie und Praxis der Erziehung und Bildung zum Thema hatte. Bis dahin war das Teil der Theologie gewesen. Ziel der in frühester Kindheit einsetzenden Erziehung war der gesunde, normengeleitete und vor allem vernünftige Mensch. Vernunft war das neue Regulativ der menschlichen Existenz. Sie sollte das triebhafte und schändliche Verlangen kontrollieren. Zentrales Problem der Pädagogik war daher die Beherrschung der Leidenschaften. Das Ideal des Kindes im 18. Jahrhundert verlangte ?ein schamhaftes, sittsames, reinliches, gehorsames, wenn möglich stets beaufsichtigtes Etwas, das seine Triebe zu unterdrücken und seine Affekte zu regulieren weiß - in seinen Vergnügungen mäßig ist - und das auch ohne Aufsicht der Eltern tugendhaft handelt, das heißt, dessen Gewissen in allen Lebenslagen den emotionalen Bereich zu kontrollieren in der Lage ist.? So hat es der Soziologe Christoph Thoma zusammengefasst. Vor allem Jungen sollten zu modernen, bürgerlichen Subjekten erzogen werden, die durch Selbstdisziplin, Selbstbeherrschung und Herrschaft über die eigene Natur bestachen. Der Philosoph Immanuel Kant (1724 - 1804) schrieb: ?Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss.?
Beeinflusst wurde diese Einstellung zur Erziehung durch bedeutende philosophische Schriften der Zeit, maßgeblich durch John Lockes (1632 - 1704) Gedanken über Erziehung und Jean-Jacques Rousseaus (1712 - 1778) Emile. Locke bezeichnete das Bewusstsein des neugeborenen Kindes als tabula rasa (leere Tafel). Der Zustand seiner Seele sei frei von Eindrücken und Vorstellungen. Dieses unbeschriebene Blatt müsse nun durch eine sorgsame Erziehung mit den richtigen Inhalten gefüllt werden, um zu einer sittlichen Persönlichkeit zu gelangen. Locke nennt Tugend, Weisheit, gutes Benehmen und Wissen als Erziehungsziel. Schamloses und unbeherrschtes kindliches Verhalten ist demnach nicht länger ein Ausdruck des Fehlverhaltens des Kindes selbst, sondern ein Erziehungsfehler der Erwachsenen.
In seiner Emile forderte Rousseau, dass der Erzieher zu seinem Zögling herabsteigen und mit ihm lernen soll, anstatt, wie zuvor, über das Kind als Objekt frei zu verfügen. Rousseaus Erziehungskonzept beinhaltete, dass der Mensch erst zum Menschen erzogen werden muss, bevor er Bürger werden kann. Rousseau widmete sich der systematischen Ausbildung sämtlicher Anlagen und Fähigkeiten des Zöglings. Dabei stand der natürliche Entwicklungsgang im Mittelpunkt des Interesses. Aufgabe des Erziehers sei es, diesen von Störungen und schädlichen Einflüssen zu bewahren.
Auf diese Ansichten Lockes und Rousseaus bauten die Vertreter des Philanthropismus auf, einer der wichtigsten pädagogischen Strömungen in Deutschland im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Die Philanthropen wollten alle Menschen durch eine reformierte, natur- und vernunftmäßige Erziehung zu irdischer Glückseligkeit verhelfen. Das Erziehungsziel der Glückseligkeit sollte sich auf Individuum wie Gesellschaft gleichermaßen erstrecken. Die Anlagen des Kindes sollten über Beobachtung entdeckt und dann entsprechend gefördert werden. Johann Heinrich Pestalozzi (1745 - 1827) erklärte deshalb die frühkindliche Erziehung zu einem wesentlichen Faktor, um aus Trieb- Vernunftwesen zu formen.
Mit dem Ende der Großfamilie waren auch eine Reihe von Einschnitten für die Kinder verbunden. Zum einen fehlte ihnen der Kontakt zu einem weiteren sozialen Umfeld. Zum anderen hatten aufgrund der Landflucht in die Städte viele Kinder der dortigen Kleinfamilien keinerlei Zugang mehr zur Natur. Beiden Problemen sollte mit der Einführung von Kindergärten begegnet werden.
Die erste Einführung einer Art von Kindergarten war allerdings einem Industriellen zu verdanken. Der Schotte Robert Owen (1771 - 1885) erkannte die Notwenigkeit einer Einrichtung, die den Frauen die Kinderbetreuung abnahm. Sie wurden schließlich als Arbeitskräfte in seiner Baumwollspinnerei benötigt. Owens ?child care institution? orientierte sich an den Ideen Pestalozzis. Alle Kinder zwischen zwei und sechs Jahren gingen in die ?infant school?. Bücher waren dort nicht erlaubt. Stattdessen stand singen, tanzen und Spielen im Freien auf dem Plan. Eine Erzieherin beaufsichtigte das Treiben. Die größeren Kinder wurden in die richtige Schule geschickt. Mit zehn Jahren arbeiteten sie tagsüber und gingen anschließend mit den Erwachsenen auf die Abendschule.
In Deutschland zog mit dem 19. Jahrhundert eine weitere Komponente in die Erziehung ein. Ausgehend von Preußen setzte eine Militarisierung der Gesellschaft ein, die auch die Kinder erfasste. ?Wer sein Kind liebt, der züchtigt es?, so ein Wahlspruch des wilhelminischen Deutschland. Zucht und Ordnung, Befehl und Gehorsam waren die Schlagworte. Der Rohrstock galt Lehrern wie Vätern als gängiges Erziehungsmittel. Rechtlich gesehen blieben Frauen und Kinder Eigentum des Vaters.





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