1900 bis 1945

... und die Züchtung von Untertanengeist und stupidem Gehorsam im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Das Kind soll in den Mittelpunkt rücken. Schüler bekommen erste Mitbestimmungsrechte, Erziehung soll vom Kind aus gedacht werden und nicht mehr von der Rolle, die es in der Gesellschaft erfüllen soll. Gebremst wurden die Reformen zunächst durch den Ersten Weltkrieg (1914-1918).
Sein Ende bedeutete aber gerade in Deutschland einen Startschuss zu neuen Ansätzen in Pädagogik und Erziehung. Tatschule, Arbeitsunterricht, Schulgemeinde, Waldschulen oder Gruppenunterricht wurden diskutiert und ausprobiert. In Berlin entstand eine ganze Reihe von Versuchsschulen oder Freien Schulen. Die Verfassung der Weimarer Republik griff die Ideen auf und setzte auf eine demokratische Pädagogik. Schüler sollten zu Staatsbürgern statt Untertanen erzogen werden. Der ?Deutsche Lehrerverein?, in dem die überwiegende Mehrheit aller Volksschullehrer organisiert war, verabschiedete im Juni 1919 ein schulpolitisches Programm: Einheitsschule, Chancengleichheit und Trennung der Schule von der Kirche. Letzteres scheiterte allerdings vielerorts am Widerstand der konfessionellen Volkschulen.
Als eine Art Laboratorium der Moderne hat die Weimarer Republik zudem die Ganztagsschule erstmals in Deutschland erprobt. ?Nach dem Ende des 1. Weltkrieges ergaben sich für die Entwicklung reformpädagogisch geprägter moderner Ganztagsschulen neue Impulse", führt der Erziehungswissenschaftler Prof. Harald Ludwig in einem Überblicksbeitrag zur Geschichte der Ganztagsschule im ?Jahrbuch Ganztagsschule 2004? aus. Geistige und praktische wie körperliche Bildung sollten nicht mehr getrennt werden. Eine Hochburg für derartige Experimente war Berlin. So vertrat der Berliner Stadtschulrat Jens Nydahl in den 20er Jahren die Ansicht, dass die Lebensgemeinschaftsschule ?neben den Sammelschulen die Lösung der schöpferischen Kräfte im Kinde als ordnender Grundsatz aller Schularbeit vielleicht am klarsten zum Ausdruck? bringe.
Ein weiteres Kennzeichen der reformpädagogischen Wandlungen war die Betonung des Selbstbestimmungsrechtes der Kindern und Jugendlichen. Sie wurden in Schulbeteiligungsformen umgesetzt. 1925 entstand beispielsweise das erste Schullandheim der Stadt Berlin bei Zossen mit einer Kapazität für 1000 Schüler. Es bildete sich aber auch eine romantisch verklärte Jugendbewegung. Die Sehnsucht nach Freiheit und Natur mündet in selbstorganisierten Fahrten und Wanderungen. Ein Beispiel ist die Pfadfinderbewegung, die sich weltweit bis heute gehalten hat. Das erste experimentelle Pfadfinderlager wurde 1907 von Robert Baden-Powell (1857-1941), einem britischen General, auf dem englischen Brownsea Island durchgeführt.
Prägend für das erste Viertel des 20. Jahrhunderts sind aber vor allem die Fortschritte in Sachen Kinderrechte. 1919 gründete die englische Lehrerin und Krankenschwester Eglantyne Jebb zusammen mit ihrer Schwester Dorothy Buxton den ?Save the Children Fund? in London. Die beiden Schwestern sammelten vor allem Spenden, um Kindern in Deutschland und Österreich zu helfen, die unter den Folgen des Ersten Weltkrieges litten. Ziel der Organisation war es außerdem, die Rechte von Kindern durchzusetzen. 1923 formulierte Jebb deshalb erstmalig solche Rechte. Die Lehrerin wollte Bedingungen schaffen, die es jedem Kind ermöglichen, frei von Armut, Hunger und Gewalt aufzuwachsen. Die von ihr verfassten Grundsätze wurden 1924 vom Völkerbund als ?Genfer Erklärung? verabschiedet. Dazu gehören das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, Recht auf Bildung und Entfaltung der Persönlichkeit, aber auch der Schutz der Familie und die staatliche Unterstützung bei Erziehungsproblemen. Im Gegensatz zur Gewalt in der Erziehung früherer Jahrhunderte bekommen Kindern zudem einen Schutz vor körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt bescheinigt.
Rechtliche Fortschritte gab es zudem für Frauen und Mütter

Rechtliche Fortschritte gab es zudem für Frauen und Mütter. Die erste Frauenbewegung erreichte, ausgehend von den USA, England und Finnland, um die Jahrtausendwende auch Deutschland. Ziele waren die Einführung des Wahlrechts für Frauen und bessere Bildungschancen. Eine der wichtigsten Figuren in Deutschland war Clara Zetkin (1857-1933). Sie rief 1907 in Stuttgart die ?Sozialistischen Fraueninternationale? zusammen. Ein Erfolg war die Einführung des Internationalen Frauentages, der erstmals am 1. März 1911 begangen wurde. Das Frauenwahlrecht wurde 1918 mit der Weimarer Verfassung rechtlich verankert.
All diese Veränderungen und Verbesserungen fanden mit der Machtergreifung Adolf Hitlers (1889-1945) 1933 ein rasches Ende. Der totalitären Führungsanspruch der Nationalsozialisten wurden auch Kindheit, Erziehung, Pädagogik ja sogar die Freizeitgestaltung unterworfen. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft, so das Verständnis der NSDAP. Entsprechend wurden die Kinder bereits frühzeitig in Parteiorgansiationen und Schulen erfasst und ideologisiert, um aus ihnen Parteisoldaten oder, im Fall der Mädchen, treue Ehefrauen und Mütter zu machen.
Dabei setzten die Nationalsozialisten auf eine Umkehrung des liberalen Erziehungsprogramms der Weimarer Republik. Gleichzeitig bauten sie aber auch einige der Ansätze und Errungenschaften der Reformpädagogik für ihre Zwecke ein. Statt Individualismus sollte nun allerdings Gemeinschaftssinn, statt Denkfähigkeit Gefolgschaftstreue, statt Aufklärung und Einsicht Glaube und Hingabe vermittelt werden.
Dabei wurde gerade im Bereicht der Erziehung nicht nur auf Repression oder Manipulation gesetzt. Die Nationalsozialisten machten sich im Gegenteil etwa die Jugendbewegeung zu nutze und versuchten, einen jugendlichen und frischen Geist zur Schau zu tragen, der einen Teil der Kinder und Jugendlichen durchaus zu begeistern wusste. Die NS-Propaganda gab sich als Sprachrohr der Jugendlichkeit. Ihre Ikonen von Hitler bis Goebbels war Mitte 30 bis Anfang 40, konnte daher Praloen wie ?Macht platz, Ihr Alten!? durchaus vermitteln.
Dieser Jugendwahn wurde zwar nach der Machtergreifung 1933 abgemildert, der Erziehung der Kinder und Jugendlichen galt jedoch weiterhin eine große Aufmerksamkeit. Die traditionellen Erziehungsinstanzen Elternhaus und Schule wurde durch weitere wie die Hitlerjugend ergänzt, die ganz bewusst erstere Aushöhlen sollte. ?Lager und Kolonne? bezeichnete Erziehungsminister Bernhard Rust (1883-1945) als die Einrichtungen, durch die man Nationalsozialisten erziehen könne. Das entsprach einem Anti-Intellektualismus, der auch von Hitler propagiert wurde: ?Stark und schön will ich meine Jugend. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen.? Entsprechend fanden Sport und militärischer Drill einen großen Raum in Schule wie Hitlerjugend.
Um die ideologische Erziehung der Jugend zu gewährleisten, setzte der NS-Staat auf ein systematisches Programm der Erfassung. Nur bis zum sechsten Lebensjahr blieben die Kinder in der Obhut ihrer Eltern. Dann folgte die Volksschule und mit zehn Jahren der Eintritt in das Jungvolk beziehungsweise die Jungmädel. Parallel zu Lehre oder Höherer Schule folgte mit 14 Jahren der Übertritt in die Hitlerjugend oder den Bund deutscher Mädel. Mit 18 Jahren folgten Arbeitsdienst oder Wehrdienst.
Die Hitlerjugend als zentrales Erziehungsorgan in der nationalsozilischen Vorstellung knüpfte bewusst an die Jugendbewegung an. Statt freier Entfaltung und Natursinn stand bei der HJ allerdings Kameradschaft und der Aufmarsch vor dem Führer im Vordergrund. Prinzipien wie ?Jugend muss durch Jugend geführt werden? wurden zwar ebenso übernommen, wie Uniformen, Geländespiele und Liedgut. Nach der Machtergreifung setzte die Hitlerjugend aber sehr rasch durch, dass die Konkurrenz aus Pfadfindern oder Deutscher Freischar verboten wurde. Lediglich an katholische Gruppen traute man sich zunächst nicht heran. Ab 1937 wurden aber auch sie praktisch lahm gelegt.
Der ?Jugendführer des Deutschen Reiches? Baldur von Schirach (1907-1974) baut das Netz der Aktivitäten für die Hitlerjugend immer weiter aus. Mittelpunkt war der wöchentliche Heimabend jeder Ortsgruppe. 1934 wurde zudem der Samstag zum Staatsjugendtag erklärt. Das bedeutete schulfrei für HJ-Mitglieder, die stattdessen Wanderungen und Wehrsport betrieben. Im Radio gab es eine ?Stunde der Jungen Nation?, die das Gedankengut der HJ in fast jedes Haus brachte. Zudem wurde die HJ zum Spendensammeln, Aufräumdiensten oder bei der Ernthilfe eingesetzt. Das alles ging stets mit weltanschaulicher Schulung einher. Beispielsweise mussten Jungvolkpimfe bei Sportübungen die Geschichte der NSDAP aufsagen oder Hitlers angebliche Erfolge rezitieren.
So gelang es der NSDAP eine ganze Generation zu indoktrinieren. Hitler selbst hat die Ziele 1938 so dargestellt: ?Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben und diese Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort zum ersten mal eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei. [...] Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.?
Zum Zweck dieser Vereinnahmung wurden auch Lehrer und Schulen auf nationalsozialistischen Kurs gebracht. Zum einen erhoben die uniformierten HJ-Mitglieder einen Anspruch auf bevorzugte Behandlung im Unterricht. Zudem wurde von staatlicher Seite Druck auf den Lehrkörper ausgeübt. Nur wer Mitglied des NS-Lehrerbundes wurde, durfte weiter unterrichten, was zwischenzeitlich zu einem Mangel an Lehrkräften führte. Auch bei den Unterrichtsinhalten setzte die Partei an. Deutsch, Geschichte, Biologie und Geografie wurden zur reinsten Ideologiekunde ausgebaut. Rassenlehre, Verherrlichung des Soldatentums, Helden- und Kriegsdichtung standen im Vordergrund.
Ein Beispiel aus dem Mathematik-Lehrbuch: ?Ein Irrenhaus kostet XXX Reichsmark, wie viele deutsche Familien könnten davon eine Wohnung bekommen?? Viele Fächer wie Physik blieben vom Führungsanspruch der Staatsführung aber unberührt. Und auch in den bevorzugten Fächern kam im Schulalltag längst nicht alles so an, wie es von der Partei verordnet wurde. Die totale Kontrolle über die Erziehung gelang somit in der Schule weitaus weniger als in der Hitlerjugend.
Erfolgreicher waren da schon Internatsschulen wie die nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola) und Adolf-Hitler-Schulen. Hier sollte die Elite für die Zukunft ausgebildet werden. Das Eintrittsalter lag bei zehn Jahren. Aufgenommen wurde man nur auf Empfehlung aus Partei oder Hitlerjugend. Charaktererziehung, Indoktrination und Vermittlung des Nationalsozialismus standen hier im Vordergrund. Allerdings blieb auch die Wirkung dieser Einrichtungen insgesamt gering, da es gerade einmal 30 im gesamten Land gab.
Ganz anders erlebten natürlich diejenigen die NS-Zeit, die nicht den rassischen Vorstellungen der Herrschenden entsprachen, also Juden, Sinti, Roma und politische Wiederständler. Zunächst wurden jüdische Schulen eingerichtet für die Kinder, die nicht mehr an staatlichen Lehranstalten unterrichtet wurden. Auch jüdische Lehrer, die aus dem Schuldienst entlassen wurden, fanden hier zu Beginn noch Anstellung. Diese Ansätze wichen aber rasch dem Vernichtungs-Feldzug der Nationalsozialisten. Auch für anders denkende Lehrer und Schüler, die sich nicht dem Parteidiktat beugen wollten, wurden die Repressionen zunehmend grausamer.
Auch vor der Familie selbst wollte die NS-Erziehungsideologie nicht Halt machen. Die Herangehensweise war allerdings zwiespältig. Einerseits wurde das Ideal der Familie propagiert, die möglichst viel Nachwuchs für die ?Herrenrasse? hervorbringen sollte. Dies wurde etwa durch eine Ledigensteuer oder Strafsteuern für Ehepaare, die nach fünf Jahren noch keinen Nachwuchs vorweisen konnten, gefördert. Zudem bekamen heiratswillige Paare Darlehen und mussten weniger Geld zurückzahlen, je mehr Kinder sie bekamen. Andererseits misstrauten die NS-Ideologen aber der elterlichen Erziehung und versuchten, die einzelnen Familienmitglieder so oft wie möglich in ihre ideologischen Parteistrukturen zu binden. Zudem wurde durch Erziehungsschriften wie beispielsweise der Ärztin Johanna Haagers (1900-1988) versucht, den Aufbau einer liebevollen Beziehung zwischen Eltern und Kind zu verhindern. Die Härte des Nationalsozialismus sollte von Anfang an an die Kinder weitergegeben werden. Schreien und flehen der Kleinkinder sollte deshalb in keinem Fall nachgegeben werden
Deutlich wird der Widerspruch gerade in der Erziehung der Mädchen. Sie sollten zur Mutter und Führerin des Haushalts erzogen werden. Praktisch lernten sie jedoch durch die Vereinnahmung im Bund deutscher Mädel eine ganz neue Freiheit kennen, die der traditionalistischen Frauenideologie völlig widersprach. Frauen waren außerhalb der Familie in Organisationen tätig, was bisher nur Männern und den wenigen Frauen in der sozialistischen Emanzipation vorbehalten war. Frauen konnten nun ihre Verbände selbst verwalten und genossen durch die zahlreichen Partei-Feste und -Aufmärsche zumindest zum Teil auch ganz neue Bewegungs- und Reisefreiheiten. Daheim sollten sie allerdings auf die Rolle als Mutter beschränkt sein, die sich um die Erziehung der Kinder zu kümmern hatte.
Zu den schlimmsten Auswüchsen solcher Eingriffe in die Familien zur NS-Zeit zählt die unter den Bedingungen des Bombenkrieges praktizierte Kinderlandverschickung. Ganze Schulkassen wurden aufs Land gebracht, wo sie vor den Bomben geschützt ausgebildet und unterrichtet wurden. Ein bewusster Nebeneffekt war natürlich auch hier die Trennung von der Familie und die bessere Möglichkeit zur Indoktrination. Ein weiteres Extrembeispiel ist die ?Aktion Lebensborn?. Es wurden Heime eingerichtet, in denen ledige Frauen ihre Kinder zur Welt bringen konnten, ohne sich der gesellschaftlichen Ächtung aussetzen zu müssen. Voraussetzung war die Vorlage des Ariernachweises. Die rund 8000 Kinder, die in diesen Heimen geboren wurden, gab man parteitreuen Familien, vorzugsweise der SS, zur Adoption. Im Laufe des Krieges ging die SS zudem dazu über, Kinder in den besetzten Ländern zu verschleppen, sofern sie dem arischen Aussehen entsprachen. Ihre Herkunft wurde verschleiert, um sie dann ebenfalls in das Adoptionsprogramm zu integrieren.





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