Ab 1945

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In den drei westlichen Besatzungszonen setzte ein umfassendes Re-Education-Programm ein, das sich zunächst allerdings primär auf die Erwachsenen bezog, die zu Demokraten umerzogen werden sollten. Auch im Bildungssektor wurde eine Demokratisierung der Schulen angestrebt, allerdings nur in Teilen umgesetzt.

In der BRD war Bildung von Beginn an Sache der Bundesländer, was zu einem bunten Wirrwarr unterschiedlichster Ansätze führte. Vom Grundschema blieb es allerdings bei einem dreigliedrigen Schulsystem, bei dem auf die Volks- oder Grundschulen Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien aufbauten. Relativ bald nach Inkrafttreten des Grundgesetztes machten sich die Bildungspolitiker allerdings daran, zumindest grundlegende Bildungsstandards zu formulieren, an die sich alle Länder halten sollten. Ein wichtiger Meilenstein war das Düsseldorfer Abkommen von 1955. Es legte fest, dass alle Höheren Schulen den Namen Gymnasium bekamen. Englisch wurde Pflichtfach. Bis zum Abitur mussten zudem obligatorisch zwei Fremdsprachen erlernt werden. Einheitlich wurde zudem der Rahmenplan für Schulferien, die Anerkennung von Abschlüssen und die Notenskala von 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend).

In den Familien war das erste Nachkriegsjahrzehnt durch die Nachwirkungen des Krieges geprägt. Überleben und Anpassung an die neue Zeit standen im Vordergrund. Familienleben erfuhr durch die traumatischen Ereignisse des Krieges eine starke Aufwertung. ?Man sehnte sich nach Lebenswerten, die einzulösen, der Famile zugesprochen wurde?, so die Soziologin Rosemarie Nave-Herz.  Trümmerfrauen, deren Männer tot oder in Gefangenschaft waren, mussten ihr Leben selbst organisieren und kamen so zwangsläufig zu neuen Freiheiten. Die Umstände hatten auch für Kinder und Jugendliche ein rasches Erwachsenwerden zur Folge. Mit der Rückkehr der Kriegsgefangenen entstand ein großes Konfliktpotenzial zwischen den mittlerweile selbstständigen Frauen und ihren Gatten, die noch das alte autoritäre Familienbild ihrer Erziehung kannten. Es kam zu Zuständigkeitsstreitigkeiten.

Was die Familienstrukturen anbetraf, setzte sich der Trend zur Kleinfamilie immer stärker fort. Das lässt sich auch an der statitisch erfassten Personenzahl pro Haushalt ablesen. Im Jahr 1900 waren es noch 4,49 Personen, 1950 schon 2,99, 1970 2,74 und 1985 weniger als 2,50 Mitglieder pro Familie. Die nach dem Krieg zunächst gestiegene Heiratsneigung der Deutschen nimmt seit 1950 kontinuierlich ab. Zudem steigt das Heiratsalter seit 1970 stetig an. Das politische Verständnis knüpfte 1945 unmittelbar an das bürgerliche Familienmodell der Hausfrauenehe an. Berufstätige Mütter wurden im Westen mit Beginn der Wohlstandsjahre zunächst nicht mehr als gewünscht empfunden. Das sollte sich erst mit den 1960er Jahren wieder ändern. 

Im Osten Deutschlands verliefen die Anfangsjahre in vielen Punkten anders. Das sozialistische Bildungssystem war von Beginn an zentralisiert. Ziel war eine bewusste Abgrenzung von Nationalsozialismus und preußischem Bildungswesen. Sichtbarstes Zeichen war die Einführung der Einheitsschule anstelle des dreigliedrigen Schulsystems. Im Zentrum des Systems stand die allgemeinbildende Polytechnische Oberschule (POS), die alle Klassenstufen von der1. bis zur 10. unter einem Dach vereinte und einen naturwissenschaftlich-technischen Schwerpunkt hatte. Das Notensystem gliederte sich von 1 (sehr gut) bis 5 (ungenügend). Hinzu kamen Kopfnoten für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und ab 1978 Gesamtverhalten. Die POS wurde mit Prüfungen in Russisch, Deutsch, Mathematik, und einer Naturwissenschaft abgeschlossen, hinzu kamen eine Sport- und mehrere mündliche Prüfungen. Privatschulen gab es in der DDR bis auf ganz vereinzelte Ausnahmen nicht. Bildung und Erziehung waren ein Monopol des Staates.

Die Anfänge des Bildungssystems der DDR waren von Problemen gekennzeichnet. Hauptproblem waren die Lehrer. Rund 71 Prozent waren ehemalige NSDAP-Mitglieder. Die Richtlinien der sowjetischen Besetzer und späteren Schulbehörden sahen vor, dass alle Lehrer mit NS-Vergangenheit zu entlassen waren. Da auch die meisten Lehrmittel ideologische Ansichten des Hitler-Regimes enthielten, brach das Schulsystem bis etwa September 1945 vielerorts komplett zusammen. Abhilfe wurde mit der Einstellung von Neulehrern geschaffen, die sich aus Jüngeren und Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft zusammensetzen sollten. In den nächsten Jahren wurden rund 40.000 Menschen eingestellt, die oft bereits eine Berufsausbildung besaßen. Sie wurden in Schnellkursen zu Lehrern gemacht. Dabei wurde vereinzelt auch auf reformpädagogische Ansätze der Weimarer Republik zurückgegriffen, was im Schulalltag aber keinen Niederschlag fand. Die Neulehrer der 1940er und 1950er Jahre bildeten bis in die 1980er Jahre hinein das Rückrat der Pädagogen in der DDR.

Das Bildungsgesetz von 1965 formuliert das Ziel, ?allseitig und harmonisch entwickelte sozialistische Persönlichkeiten? herauszubilden. Dadurch wird bereits deutlich, dass das gesamte Erziehungswesen der DDR ideologisch aufgeladen war. Neben der Vermittlung sozialistischer Weltanschauung und Informationen über den kapitalistischen Klassenfeind wurde auch Wehrunterricht Teil des Lehrplans. Fächer, die man so im Westen nicht kannte, waren UTP,  ein Unterrichtstag in der Produktion, und ESP, die Einführung in die sozialistische Produktion. Langjährige Volksbildungsministerin war von 1963 bis 1989 Margot Honecker.

Vor allem für die höheren Bildungswege war eine staatstreue Gesinnung, in Form von Parteimitgliedschaft, Wehrdienst und Herkunft der Eltern wichtig. Auf die POS folgte für einen Teil der Schüler die Erweitere Oberschule (EOS), die nach zwei Jahren mit dem Abitur abgeschlossen werden konnte. Dieses befähigte zur Aufnahme eines Studiums, das nur etwa zehn Prozent eines Jahrgangs offen stand. Für jeden Abiturienten hielt die Regierung einen Studienplatz bereit, allerdings nicht immer in der gewünschten Richtung.

Ein markanter Unterschied zwischen Ost und West

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Ein markanter Unterschied zwischen Ost und West, der teilweise bis heute fortbesteht, war das Kita- und Kindergartensystem. In der DDR wurden Kinder oft schon mit wenigen Monaten in die Kita gegeben. Das war staatlich so gewünscht und zudem praktisch für die Eltern, die in der Regel beide berufstätig waren. Ab vier Jahre gingen DDR-Kinder in den Kindergarten, der anders als im Westen einen klaren Bildungsauftrag hatte. Kindergartenerzieherinnen vermittelten Mengenlehre, Malen, Singen und bildnerisches Gestalten.

Kinder in der DDR hatten generell jüngere Eltern als in der BRD. 18-jährige Mütter waren keine Ausnahme. Wer heiratete und Kinder bekam, hatte bessere Aussichten auf eine der begehrten eigenen Wohnungen. Bei zwei gleichgeschlechtlichen Kindern standen einem eine Einzimmerwohnung und bei zwei verschiedengeschlechtlichen Kindern eine Zweizimmerwohnung zu. Eine Familie zu gründen war daher der einfachste Weg von zu Hause auszuziehen. Zudem erleichterten die Kitas Frauen eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein weiterer Anreiz zur Zeugung von Nachwuchs war finanzieller Natur: Jedes Paar, das heiratete, erhielt vom Staat ein zinsloses Darlehn von 2000 Mark. Wenn dieses Pärchen dann ein Kind bekam, erhielt es 1000 Mark geschenkt und musste die Hälfte des zinslosen Darlehns nicht zurückzahlen. Auch beim zweiten Kind erhielt man 1000 Mark und musste vom zinslosen Darlehn nichts zurückzahlen.

Rechtlich waren Mütter und Väter in der DDR gleichgestellt. Das wurde schon mit der Verfasung 1950 verfügt und zudem ab 1965 weiter ausgebaut. Familie wurde als gesellschaftlich schützenswert deklariert. ?Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass die rechtliche Ausgestaltung der Gleichberechtigung der Frau im Familienrecht der DDR früher und konsequenter als in der BRD durchgesetzt worden ist?, resümiert die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach. Der Gesetzgeber der DDR wollte einen ?historisch neuen Familientyp? schaffen, der sich durch stabile Gemeinschaft, gegenseitige Liebe und Achtung, sowie Gleichberechtigung auszeichnete. Die Praxis der gesellschaftlichen Ordnung hat dies allerdings zum Teil deutlch konterkariert.

In der Freizeitgestaltung zeigt sich ein weiterer Unterscheid zwischen West und Ost. BRD-Kinder konnten aus einer Vielzahl von Angeboten auswählen: kirchliche Gruppen, Vereine oder auch die nach dem Ende des NS-Verbotes wieder in Westdeutschland etablierten Pfadfinder. In der DDR war die wichtigste Jugendgruppe hingegen staatlich organisiert. Im ersten Schuljahr kamen die meisten Kinder zu den Jungpionieren. Markenzeichen waren das blaue Halstuch, weißes Hemd und Pionierkäppi. Von der 4. bis zur 7. Klasse war man dann Thälmannpionier und trug ein weißes Hemd, aber diesmal mir einem roten Halstuch. Beide Organisationen (Jung- und Thälmannpioniere) wurden von der FDJ (Freie Deutsche Jugend) geführt. Ab Klasse 8 wurden Kinder dann FDJler. Kleidung diesmal ein blaues Hemd mit einem Emblem drauf. Die wenigen Kinder, die nicht bei den Pionieren waren, etwa weil sie aus kirchlich geprägten Familien kamen, mussten bereits im Schüleralter Benachteiligungen ertragen.

 Ein wichtiger Einschnitt im Leben der Heranwachsenden Kinder war im konfessionell geprägten Westen die katholische Erstkommunion beziehungsweise die evangelische Konfirmation. Als Gegenstück erfand die DDR-Regierung die Jugendweihe, die mit 14 Jahren gefeiert wurde. Abseits des jeweiligen Hintergrundes verliefen die Festivitäten in Ost und West jedoch verhältnismäßig ähnlich: schicker Anzug, Geschenke und ein Festessen mit der Familie.

Einschneidend für Bildung und Erziehung in Westdeutschland war der Sputnik-Schock von 1957. Der sowjetische Satellit signalisierte einen vermeintlichen Vorsprung der sozialistischen Staaten. Georg Picht prangerte aufsehenerregend die ?Bildungskatastrophe? der BRD an. Der Philosoph Ralf Dahrendorf kritisierte die fehlende Erziehung zu demokratischen Bürgern. Eine Folge der Kritik war die Schaffung des Deutschen Bildungsrates, dessen Strukturplan für das deutsche Erziehungswesen maßgeblich wurde.

Aufgegriffen wurde die Kritik am westdeutschen Erziehungswesen auch in den Studenten-Revolten der 1960er und 1970er Jahre. Besondere Aufmerksamkeit erlangte die antiautoritäre Erziehung. Nach Jahren, die immer noch von Drill und Disziplin geprägt gewesen waren, drängten die jungen Eltern auf ein Kontrastprogramm. In freien Schulen und Kinderläden sollten die Kinder zu Ungehorsam und Kritikfähigkeit erzogen werden. Die Gründungen der ersten Kinderläden erfolgten 1968 in Berlin, Stuttgart, Frankfurt am Main und Hamburg. Auf die antiautoritäre Erziehung folgte die Antipädagogik. Sie forderte dazu auf, Kinder in ihrer Entwicklung sich selbst zu überlassen. Erziehung wurde als ein Zeichen von Unsicherheit, als eine Art Notwehr von Erwachsenen gegenüber den Kindern gesehen. Extreme Vertreter betrachten Erziehung sogar als eine Art Gehirnwäsche.
 
Mitte der 70er Jahre kommt in Westdeutschland auch die Debatte um Kinderrechte wieder auf. Mit Inkrafttreten des Grundgesetztes 1949 wurden zwar einzelne auf Kinder bezogene Rechte verbindlich: unter anderem der Schutz der Familie (Art. 6) und das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2). Dabei blieben aber die Kinder selbst unerwähnt. 1973 wird in den bundesdeutschen Schulen die körperliche Züchtigung verboten - wobei nach einem OLG-Urteil in Bayern ein gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht besteht. In der DDR war die Züchtigung übrigens schon seit 1949 verboten. Auch seit der Wende zieht sich die Debatte weiter hin. Der zum 1. Juli 2000 in Kraft getretene § 1631/2 BGB schreibt das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung fest. Explizite Kinderechte im Grundgesetz fehlen aber weiterhin.

Was Mütter- und Elternrechte anbetrifft, hat seit der Nachkriegszeit ebenfalls einiges geändert. Wichtig waren auch hier die einschneidenden 1970er Jahre im Westen. Vor allem das Thema Abtreibung kam auf die Tagesordnung. ?Wir haben abgetrieben!? war die Titelschlagzeile der Zeitschrift Stern am 6. Juni 1971. 374 prominente und nicht prominente Frauen gaben öffentlich zu, abgetrieben zu haben. Die Aktion wurde von Alice Schwarzer initiiert, um gegen den § 218 des Strafgesetzbuchs anzukämpfen, der zu dieser Zeit Schwangerschaftsabbrüche noch unter Strafe stellte. 1972 gelang in der DDR die Verabschiedung einer Fristenlösung zum Schwangerschaftsabbruch, nach der der Abbruch innerhalb der ersten drei Monate erlaubt ist. Es war das einzige Gesetz, das jemals in der von der SED gelenkten Volkskammer Gegenstimmen erhielt. Abgeordnete der Fraktion der Ost-CDU stimmten aus religiösen Gründen dagegen. 1974 schließlich wurde die Fristenlösung auch in der Bundesrepublik eingeführt. Sie lässt einen Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft straffrei.

1979 wurde zudem der Mutterschaftsurlaub für erwärbstätige Mütter eingeführt ? ungefähr zeitgleich mit dem Mutterjahr in der DDR. Dort hatte es zuvor lediglich eine dreimonatige Auszeit nach der Geburt gegeben.  Anfang der 1980er Jahre waren zwei Drittel der West-Frauen nach wie vor nicht berufstätig. Dann setzte allerdings ein rascher Anstieg der Zahl arbeitender Frauen ein.

Damit einhergehende Veränderungen innnerhalb der Gesellschaft lassen sich auch statistisch erfassen. Die Zahl der Kinder in Deutschland nimmt stetig ab. Beginn dieser Entwicklung ist der sogenannte Pillenknick, der in Deutschland etwa 1965 einsetzt. Das trifft zeitlich mit der Verbreitung der Anti-Baby-Pille zusammen. Der Trend zur Zwei- oder Ein-Kind-Familie schlägt ebenfalls demografisch zu Buche.

Mit der Wende 1989 wurde ein Großteil der westdeutschen Erziehungsvorschriften auf die Neuen Länder übertragen. Dennoch blieben Unterschiede, etwa bei der Dichte der Kindertagesstätten, deren flächendeckende Verbreitung im Westen erst durch Gesetzgebung der aktuellen Regierung verwirklicht werden soll. Das Schulwesen bleibt weiterhin Ländersache. Allerdings zeigen auch hier die letzten Jahre, dass mit dem über Jahrzehnte in Deutschland geführten Gluabenkrieg um dreigliedriges oder eingliedriges Schulsystem nicht alle Fragen beantwortet sind. Die seit 2000 im Drei-Jahres-Turnus durchgeführten PISA-Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben Deutschland seine Bildungsschwächen im Vergleich mit anderen Nationen deutlich vor Augen geführt. Damit verbunden ist eine neue Bildungsdabette, die mit der Schaffung von Ganztagsschulen keinesfalls beendet scheint.

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