Brennpunkt Schule - Gewalt im Klassenzimmer

Am Fall der Rütli-Schule zeigte sich, dass es schwerwiegende Gewaltprobleme an deutschen Schulen gab. Denn nach Rütli wurden auch andere Fälle in ganz Deutschland bekannt.
Ballungsräume wie Berlin sind noch immer besondere Brennpunkte. Denn hier leben viele Schüler mit Migrationshintergrund und solche aus finanziell schwachen Familien, die nicht richtig in der Gesellschaft integriert sind. In einer solchen sozialen Situation sind Kinder und Jugendliche besonders anfällig für Gewalttaten, erklärt Bettina Schubert, Psychologin und Referatsleiterin für Gewaltprävention bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport. Weitere Faktoren, die nach Meinung von Experten Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen auslösen, sind schlechte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und Probleme in der eigenen Familie wie zum Beispiel Alkoholismus und häusliche Gewalt. Auch Gewaltszenen im Fernsehen und in Computerspielen gelten als Ursachen.

Die Rütli-Hauptschule im Berliner Stadtteil Neuköln ist bis heute ein Schlagwort, wenn es um Gewalt an Schulen geht. Im März 2006 erlangte die Schule bundesweit ungewollte Berühmtheit, als bekannt wurde, dass sich die Lehrer mit einem so genannten ?Brandbrief? an den zuständigen Berliner Bildungssenator wandten. Darin forderten sie in erster Linie eine Lösung für das Gewaltproblem an ihrer Schule. In der Folge war die Rütli-Schule wochenlang Thema in den Medien. In der Öffentlichkeit wurde sie häufig als ?die Hass-Schule? bezeichnet. Die negativen Folgen für das Image wirken bis heute. Inzwischen spricht allerdings kaum noch jemand über die Ereignisse.

Für das vergangene Schuljahr 2005/2006 hat der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner eine Zunahme der gemeldeten Gewalttaten (siehe Infokasten) verzeichnen müssen, wie aus der Pressemitteilung zu Gewaltmeldungen an Berliner Schulen hervorgeht. Gleichzeitig betont er jedoch, dass die Zunahme nicht als Steigerung der Gewaltvorfälle an sich zu interpretieren sei. Vielmehr werde deutlich, dass Schulen Probleme ?aktiver und offener melden?, sagt Jürgen Zöllner. Zudem ergeben die Statistiken der Berliner Polizei, dass Gewaltdelikte an Schulen seit 1998 kontinuierlich zurückgehen. Dennoch lautet die Prämisse des Senators: ?Jeder Gewaltvorfall ist einer zuviel. Gewalt in den Schulen kann nur verhindert werden, wenn (?) die Schulen hinsehen und handeln?.


Foto © Emin Ozkan - FOTOLIA

?Hinsehen und Handeln? ist auch das Motto, unter dem seit 1992 intensiv Gewaltprävention an Berliner Schulen durchgeführt wird. Dafür wurde eigens die Landeskommission Berlin gegen Gewalt eingerichtet. ?Die Schulen wurden von der Stadt verpflichtet, Gewaltvorfälle und extremistisch motivierte Vorfälle zu melden?, erklärt Bettina Schubert von der Senatsverwaltung. Sie hat den so genannten Aktionsplan ?Handeln nach Gewaltvorfällen? miterstellt, nach dem sich Schulen im Ernstfall richten sollen. Das gilt nicht nur für Raufereien zwischen zwei Klassenkameraden, sondern auch für potentielle Gewaltsituationen wie Mobbing unter den Schülern aber auch von Schülern gegenüber Lehrern. Genauso zählen auffällig negatives Verhalten über längere Zeit, starker Leistungsabfall, bekannt gewordene familiäre Probleme oder auch die bloße Androhung von Gewalt zum Katalog möglicher Ernstfälle. Meistens treten diese Verhaltensweisen bei Schülern nicht allein sondern in Kombination auf.
Nach dem Aktionsplan sind die Schulleitungen verpflichtet solche Vorfälle innerhalb von 24 Stunden zu melden, beschreibt Bettina Schubert. Die Meldungen gehen dann an die Senatsverwaltung, die Eltern, Schulpsychologen, die Polizei und einen Arzt.
Im zweiten Schritt geht es um die Problemlösung. Das passiert je nach Möglichkeit zum Beispiel durch Diskussionen in der Schulklasse, Elternabende, Streitschlichtergespräche oder Betreuung durch einen Schulpsychologen. ?Die Gewaltmeldungen der Schulen können bezogen auf den einzelnen Schüler als ein sehr wirksames Frühwarnsystem für gefährdete Kinder und Jugendliche wirken, gerade auch für solche, die drohen gefährlich zu werden?, erklärt Bettina Schubert.    

Am Erfurter Gutenberggymnasium gab es ein solches Frühwarnsystem nicht. Im April 2002 erschoss der Schüler Robert Steinhäuser dort bei einem Amoklauf 16 Menschen und anschließend sich selbst. Infolgedessen wurden auch die Präventionsmaßnahmen an Berliner Schulen noch einmal deutlich verstärkt. Ein speziell geschultes Team aus Schulpsychologen zur Gewaltprävention und Krisenintervention entstand im Jahr 2003. Außerdem wurde die Zusammenarbeit der Schulen mit den Jugendämtern und der Polizei verbessert.
Eine Vielzahl von Schulen aus ganz Berlin ? darunter auch die Rütli-Schule ? führten Projekte zur Gewaltprävention durch, für die mehrere Einrichtungen vom Senat ausgezeichnet wurden.

Viele Projekte erreichten mit ihrem Anliegen allerdings nicht das Elternhaus von gewaltbereiten Schülern. Dabei müsste bereits dort mit der Vorbeugung gegen Gewalt begonnen werden, erklärt Psychologen Bettina Schubert. Deshalb suchen verschiedene gemeinnützige Einrichtungen immer häufiger gezielt Familien mit Migrationshintergrund oder solche die sozial schwächer gestellt sind auf, um sie bei der Integration zu unterstützen und so bereits bei den Kindern und Jugendlichen zu Hause Gewaltprävention zu leisten.


Gewaltmeldungen an Berliner Schulen (Schuljahr 2005/2006)

  • Es wurden insgesamt 1573 Gewaltvorfälle gemeldet, 76 Prozent mehr als im Schuljahr 2004/2005 (894). Bei 967 Schulen, die es in Berlin gibt, entspricht das im Durchschnitt 1,6 (1,0) Vorfällen in jeder Schule.
  • Lehrerinnen und Lehrer wurden in 374 Fällen als Geschädigte benannt. Das sind fast doppelt so viele wie im Vorjahr (196). 
  • Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund an Gewaltvorfällen (Täter und Opfer) stieg von 35,9 Prozent auf 54,2 Prozent. ?In den Meldungen werden sie selten als Opfer, häufiger als Beteiligte auf der Täterseite genannt? (Zitat Pressemitteilung).
  • Aus den Bezirken Mitte, Lichtenberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln kamen die meisten Meldungen.
  • Die Schulen kooperierten in 52 Prozent aller Fälle mit der Polizei, in 35 Prozent der Fälle mit dem Jugendamt und in 27 Prozent der Fälle mit einem Arzt oder einer Klinik.
  • Eine Zusammenarbeit mit Eltern entstand nur in 32 Prozent der Fälle.

(Quelle: Berliner Senat für Bildung, Jugend und Sport
Pressemitteilung ?Gewaltmeldungen an Berliner Schulen im Schuljahr 2005/2006?, 13.12.2006)

Weblinks

 http://www.berlin-gegen-gewalt.de
 http://www.berlin.de/sen/bildung/hilfe_und_praevention/gewaltpraevention
 http://www.gewalt-in-der-schule.info
 http://www.gewalt-an-schulen.de
 http://www.jugendberatung-berlin.de


Von Stefan Kockrick

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