Das Baby aus dem Reagenzglas
Louise Brown aus der Nähe des englischen Manchester ist auf den ersten Blick eine ganz normale Frau. Doch sie ist etwas Besonderes. Als sie am 25. Juli 1978 geboren wurde, machte sie vielen unfruchtbaren Paaren auf der ganzen Welt Hoffnung. Denn sie ist das erste Kind, das nach einer künstlichen Befruchtung gesund zur Welt kam. Nach Louise Brown kamen Millionen weiterer ?Retortenbabys? zur Welt, von denen viele inzwischen selbst Kinder haben.

Foto © Gernot Krautberger - FOTOLIA
Das unfruchtbare Frauen und Männer heutzutage Kinder bekommen können, haben sie den Fortschritten der Medizin zu verdanken, genauer gesagt der Reproduktionsmedizin. Durch sie ist es möglich, dass männliche Samenzellen und weibliche Eizellen außerhalb des Körpers einer Frau miteinander verschmolzen werden und es anschließend zu einer Schwangerschaft kommen kann. ?Ohne die Reproduktionsmedizin gäbe es heute viel weniger Kinder in Deutschland?, sagt Dr. Martin Bloechle. Der Facharzt für Frauenheilkunde einer Berliner Praxis für Reproduktionsmedizin kennt die verschiedenen Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung, die angewendet werden, wenn Medikamentenkuren und Hormonbehandlungen bei ungewollt kinderlosen Paaren ohne Erfolg bleiben. Statt von künstlicher wird heute von assistierter Befruchtung gesprochen, um auszudrücken, dass die Medizin den natürlichen Vorgang bis zur Schwangerschaft ?nur? unterstützt.
Eine solche Form der Unterstützung kommt bei der so genannten Insemination zum Einsatz.
Dieses Verfahren eignet sich dann, wenn die Samenzellen des Mannes von ?schlechter Qualität? sind und es dadurch nicht zur Befruchtung der Eizelle kommt. Um das zu ändern, wird der Samen durch Masturbation gewonnen, qualitativ im Labor aufbereitet und anschließend durch einen medizinischen Eingriff in die Gebärmutter der Frau eingesetzt. Sollten sich im Ejakulat des Mannes keine Spermien finden, können diese nach einem operativen Eingriff auch direkt aus den Hoden oder Nebenhoden gewonnen werden.
Die Insemination setzt voraus, dass es keine Organstörungen im weiblichen Körper gibt, sodass es zur Befruchtung kommen kann. Ist das nicht der Fall, besteht die Möglichkeit, die Befruchtung außerhalb des Körpers stattfinden zu lassen. Dieses Verfahren heißt In-Vitro-Fertilisation (IVF). In vitro kommt aus dem Lateinischen und steht für ?im (Reagenz-) Glas?. Bei der IVF entnehmen Ärzte neben Samenzellen auch Eizellen. Dafür werden durch eine spezielle Hormongabe gleich mehrere Eizellen während eines Zyklus zum Reifen gebracht, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Einen Tag lang beobachten sie anschließend unter dem Mikroskop, ob eine Verschmelzung von Ei- und Samenzelle stattgefunden hat. Ist das der Fall, werden der Frau nach zwei bis drei Tagen maximal drei Embryonen in die Gebärmutter übertragen. Diese Höchstanzahl ist gesetzlich vorgeschrieben (siehe Infokasten).
Für den Fall, dass die Befruchtung ?im Reagenzglas? von selbst nicht erfolgreich verläuft, kann durch eine direkte Zuführung der Spermien in die Eizelle nachgeholfen werden. Dieses Verfahren heißt intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Der Begriff intracytoplasmatisch beschreibt, dass es sich um einen Eingriff in das Zellplasma der Eizelle handelt. Nach der Befruchtung wird mit dem Embryo genau wie bei der IVF verfahren.
Damit sind die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Aufklärung über weitere Behandlungsmethoden geben Reproduktionsmediziner (siehe Weblinks). Welches Verfahren bei einem Paar auch zur Anwendung kommt, jede Behandlung ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Am Anfang steht daher immer eine ausführliche Beratung durch die Ärzte. ?Wir sprechen über die physischen und psychischen Belastungen, über Erfolgsaussichten und natürlich auch Nebenwirkungen.
Das ist Pflicht?, sagt Dr. Martin Bloechle. In den meisten Fällen verläuft ein Behandlungszyklus ohne Komplikationen. Doch es kann zur Überstimulation der Eierstöcke kommen, was durch die Hormonbehandlung hervorgerufen wird. Übelkeit und Schmerzen in der Bauchgegend sind die Folgen. Außerdem besteht die Gefahr einer Mehrlingsschwangerschaft, weil in der Regel mehrere Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Dazu lastet immer auch ein psychologischer Druck auf den Paaren, die sich häufig als ?minderwertig? sehen, weil sie bisher auf natürlichem Weg kein Kind bekommen konnten. Sie setzen alle ihre Hoffnungen in die Medizin. Schließlich kommt der finanzielle Faktor ins Spiel. Zwar tragen die gesetzlichen Krankenkassen die Hälfte der Kosten, doch allein für Medikamente müssen meist mehrere Hundert Euro aufgebracht werden.
Die Chancen ein Baby zu bekommen, sind genauso hoch wie bei einer natürlichen Befruchtung, erklärt Dr. Martin Bloechle. ?Es kommen jedoch die medizinischen Risiken hinzu?, ergänzt der Experte. Abhängig ist der Erfolg vor allem vom Alter der Frau und vom Lebensstil des Paares. Alkohol- und Zigarettenkonsum sowie Übergewicht trüben die Aussichten auf eine Schwangerschaft erheblich. Wenn es trotz aller Bemühungen nicht auf Anhieb mit dem gemeinsamen Kind klappt, können weitere Versuche unternommen unternommen werden. ?In der Regel sind mehrere Zyklen kein Problem. Manchmal geben sich Paare jedoch die Schuld am Misserfolg?, berichtet der Reproduktionsmediziner. Dann bedarf es psychologischer Unterstützung der Betroffenen.
Die rasante Entwicklung der Reproduktionsmedizin hat auch sehr viele Kritiker auf den Plan gerufen. Vor allem Kirchenvertreter werfen der Medizin vor, ungewollte Kinderlosigkeit als Krankheit zu betrachten, was sie aber nicht sei. Sie sei vielmehr eine Gegebenheit des Schicksals, der man zum Beispiel durch eine Adoption oder auch durch Nächstenliebe über die eigene Familie hinaus begegnen könne. Diese Ansicht können Reproduktionsmediziner wie Dr. Martin Bloechle nicht nachvollziehen: ?Ungewollte Kinderlosigkeit beruht auf Organstörungen und ist damit eine Krankheit. Wir zwingen niemanden zu medizinischen Schritten, doch jedes Paar sollte die freie Wahl haben, sich dafür zu entscheiden?, sagt er.
Gesetzliche Regelung in Deutschland
- Rechtliche Grundlage für die Reproduktionsmedizin in Deutschland ist das Embryonenschutzgesetz, es regelt den Umgang mit menschlichen Embryonen
- Darin ist festgelegt, dass künstliche Befruchtung nur zum Zweck der Fortpflanzung eingesetzt werden darf, nicht aber zu Forschungszwecken
- Medizinische Experimente am Embryo sowie genetische Untersuchungen vor der Einpflanzung in die Gebärmutter, die dazu dienen könnten, Embryos zu selektieren (Präimplantationsdiagnostik), sind verboten
- Innerhalb eines Zyklus dürfen einer Frau maximal drei Embryonen übertragen werden
- Reproduktionsmedizinische Behandlungen dürfen nur von speziell geschulten Ärzten durchgeführt werden
- Das Embryonenschutzgesetz verbietet das Klonen eines Embryos, die Eizellenspende sowie Leihmutterschaft
(Quelle: Embryonenschutzgesetz)
Weblinks
Informationen rund um das Thema Reproduktionsmedizin
http://www.fertinet.de
http://www.kinderwunsch.com
http://www.wunschkind.de
http://www.kinderwunsch.de
http://www.wunschkinder.net
http://www.schwanger-info.de/1148.0.html
http://www.repromedizin.de
http://www.deutsches-ivf-register.de
Reproduktionsmedizin in Berlin
http://www.fertilitycenterberlin.de
http://www.kinderwunsch-berlin.de
http://www.ivf-berlin.de
http://www.hormonconcept.de
http://www.hormonzentrum-berlin.de
http://www.kinderwunschzentrum.de
Von Stefan Kockrick




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